Sonntag, 12. Juli 1998 - Es geht los: Lillsjöhögen - Rötviken - Brantön
Montag, 13. Juli 1998 - Von Brantön bis Ålvikfjärden
Dienstag, 14. Juli 1998 - Ruhetag mit Blick auf Torsön
Sonntag, 12. Juli 1998 - Es geht los: Lillsjöhögen - Rötviken - Brantön
Gegen 8 Uhr 30 werde ich ziemlich unsanft von Silke geweckt, die mir
zu verstehen gibt, daß unser Zelt ziemlich viel Wasser gemacht hat.
In der Nacht hat es furchtbar geschüttet und in der Wiese war das
Wasser zu kleinen Tümpeln angestiegen. In einem davon haben wir leider
unser Zelt errichtet. Unsere gesamte über Nacht ausgedünstete
Flüssigkeit ist am kalten Zeltboden kondensiert und hat Isomatten
und Schlafsäcke ziemlich durchfeuchtet. Es regnet immer noch heftig,
von kurzen Unterbrechungen abgesehen. Inzwischen haben wir erfahren, daß
es gegen zwölf Uhr losgeht. Die kurzen Trockenzeiten nutzen wir zum
Frühstücken und zum Abbauen der Zelte. Noch einmal kurz die schicken
neuen Plumpsklos benutzt, die Rucksackinhalte in sechs wasserdichte Tonnen
verpackt und schon geht es los - fast jedenfalls. Ein Pärchen aus
der Schweiz will die gleiche Route fahren, so daß sich der Fahrpreis
auf 350 SEK pro Person reduziert. Mit dem Kanuverleiher Ove wird die Route
festgelegt, bezahlt und es geht auf die fast dreistündige Fahrt mit
dem Landrover und Kanuanhänger Richtung Rötviken.
Auf der halben Strecke ein kurzer Halt an der Tankstelle in Föllinge.
Auf der Fahrt zeigt uns Ove Biberdämme und diverse Stellen, an denen
wir vorbeipaddeln werden. So gegen 16 Uhr 50 sind wir am Ziel und beladen
die Kanus. Ove zeichnet für jede Gruppe mit Textmarker die Route auf
mehrere Kartenblätter, die in eine wasserdichte Hülle gepackt
werden. Er nimmt sich viel Zeit und gibt uns Tips für gute Zeltplätze,
Warnungen vor gefährlichen Stellen und entläßt uns nach
einer kurzen Photosession in die Wildnis. Die Aufteilung auf die Boote
steht fest: Jörg und Fiete wollen gemeinsam stark sein, ich teile
das Kanu mit Silke. Ehe wir nochmals darüber nachdenken können,
paddeln wir schon auf dem Hotagen. Alle vier Reiseteilnehmer
haben noch nie in einem Kanu gesessen, so daß wir uns anfangs in
einem elegantem Zick-Zack-Kurs über den See schlängeln. Daher
haben wir auch die Kanuwanderversion gewählt, weil man zum Wildwasserfahren
eine ausreichende Erfahrung benötigt. Zunächst steuern wir eine
kleine Insel an, an der wir rechts abbiegen und am rechten Ufer entlang
um den See fahren müssen. An der kleinen Insel (eigentlich sind es
zwei) empfängt uns dann ein sehr starker, böiger Wind - natürlich
von vorne. Wir haben unsere liebe Mühe, von der Stelle zu kommen.
Im Windschatten der Insel einigen wir uns auf unseren Kurs, der allerdings
nicht einstimmig angenommen wird. Von nun an kommt der Wind von links vorn
und drängt uns sehr stark nach rechts. Nur unter großem Kraftaufwand
können wir unsere Richtung halten. Dazu kommt noch, daß uns
die Wellen einiges Wasser ins Boot schaufeln. Fast mitten im See kämpft
eine Pfadfindergruppe mit den Elementen. Sie erreichen vor uns eine kleine
Inselgruppe, bleiben dort aber zu unserem Glück nicht. Etwas kaputt
und genervt erreichen wir das Inselchen Brantön und
schlagen unser Lager auf. Heute abend gibt es Tee mit Johnnie W. und noch
ein paar Dosen Bier.
Am nächsten Morgen stehen wir früh auf. Es ist
Montag, 13. Juli 1998 - Von Brantön bis Ålvikfjärden
Im strahlenden Sonnenschein bereiten wir nach dem Müsli mit Milch
(aus Trockenmilch und Wasser) noch Stockbrötchen (Mehl, Wasser und
Backpulver, Gewürz nach Wahl) am Lagerfeuer, so daß wir erst
um 12 Uhr in die Boote steigen. Während des Ablegens beginnt es zu
tröpfeln und noch beim Überlegen, ob es sich lohnt, die BW-Ponchos
anzuziehen, gießt es in Strömen. Regen wechselt sich mit extrem
kurzen Trockenperioden ab, in denen wir zunächst noch die Ponchos
ausziehen. Später lassen wir sie einfach an, da sich zur Nässe
auch noch die Kälte gesellt. Der Himmel zieht sich völlig zu,
es ist grau, naß und kalt. Da wir aber am ersten Tag nur drei Kilometer
von unseren 140 geschafft haben, beißen wir die Zähne zusammen.
Eine kurze Pause mit Müsli-Riegel und einer halben Tafel Schoki schräg
gegenüber der Insel Haraön im strömenden Regen,
dann weiter an der Halvvägasnäset bis kurz vor
die Insel Torsön, bei der wir am Ostufer des Sees Halt
machen. Schon die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz fällt schwer,
da wir alle inzwischen bis auf die Haut naß sind und entsetzlich
frieren. Dazu kommt noch die Anstrengung der Mammutfahrt bei Regen. Kurz
gesagt, wir haben alle die Schnauze gestrichen voll, was aber der Stimmung
keinen Abbruch tut. Nun heißt es, trotzdem noch die Zelte aufbauen,
einen Windschutz gegen den kalten Wind errichten und ein Feuer zum Aufwärmen
entzünden. Diese festgelegte und bewährte Reihenfolge hat ihren
Zweck, auch wenn es noch so spießig wirkt. Hier draußen aber,
im Kampf mit den Elementen, ist sie aber ein Garant für den Erfolg
eines solchen Abenteuers.
Die Zelte stehen; Silke, die am stärksten friert und die dummerweise
ihre Jacke offen im Kanu liegen hatte (und die somit triefnaß ist)
kann sich im Zelt trockene Sachen anziehen und zum Aufwärmen in den
Schlafsack kriechen. Die Sachen haben wir alle in Gefrierbeutel verpackt
und zusätzlich in wasserdichten 60-Liter Tonnen untergebracht. So
ist gewährleistet, daß immer eine trockene Garnitur zum Anziehen
bereit ist. Es ist ein nahezu unbeschreibliches Gefühl, aus den kalten,
nassen Sachen heraus und in trockene und sofort warme hineinzukommen. Man
fühlt sich sofort wie in einem Luxushotel (na ja, man wird bescheiden).
Währenddessen basteln die drei Männer an einem Windschutz aus
BW-Ponchos. So blöd wie diese olivgrünen Dinger aussehen, so
praktisch sind sie auch. Man kann sie gegen Regen und Wind anziehen, sie
zusammengefaltet als leidlich weiche Sitzunterlage benutzen, bei Sonne
geben sie einen prima Wärmekollektor-Trockner ab und zur Benutzung
als Wind- oder Regenschutz besitzen sie Druckknöpfe, mit denen man
mehrere zusammenknöpfen kann, sowie Ösen zum befestigen an Bäumen.
Nach dem Bau des Wind- und Regenschutzes ist auch für uns Herren
erst einmal Umziehen angesagt, da man sich sonst schnell eine Erkältung
holt. Als nächstes wird eine Suppe gekocht, mit kleingeschnittener
Salami "verfeinert" und heiß gegessen. Zum Essen und Trinken benutzen
wir Näpfe aus Kunststoff. Diese sehen in ihren grellen Farben und
in ihrer Formgebung zwar merkwürdig aus, sind aber uralten und daher
wohlbewährten, samischen Trinkgefäßen aus geschnitztem
Holz nachempfunden. Heiße Sachen bleiben lange heiß und kalte
kalt. Man kann sie so in der Hand halten, daß diese gleichzeitig
gewärmt wird. Nach dem Essen ist das Feuer an der Reihe: zum Aufwärmen
und für heißes Wasser (für Kakao-Johnnie Walker), was den
Brennstoffvorrat schont. Zur Feier des Tages gibt es viel heißen
Kakao mit J.W. und jede Menge Erdnüsse. Im Regen mit durchnäßtem
Holz funktioniert Feuermachen nur nach Spezialrezept, das heißt,
möglichst frische Birkenrinde sammeln, in Schnipseln in der Feuerstelle
anhäufeln, darüber Reisig und weitere Schichten mit immer größer
werdenden Ästen. Die Birkenrinde brennt wie Zunder, entzündet
das Reisig und so weiter. Soll das Feuer längere Zeit brennen, muß
man die größeren Scheite am und über dem Feuer trocknen
und für den Fall der Fälle kleine Scheite und Rinde bereithalten.
Mit vollem Bauch, trockenen Kleidern und lagerfeuergewärmt fühlt
man sich sauwohl und stolz wie Oskar, fast 15 Kilometer bei Regen und Kälte
geschafft zu haben. Und um unser Glücksgefühl noch zu steigern,
hört es auf zu regnen. Wir verlassen nun ganz unseren Regenunterstand
und verbrauchen an diesem nun doch gelungenen Abend fast die Hälfte
unserer Johnnie-Walker-Vorräte.
Mit mittelschwerem Kopfschmerz empfängt uns
Dienstag, 14. Juli 1998 - Ruhetag mit Blick auf Torsön
So langsam kommen wir in Fahrt und bereiten zum Frühstück
(oder eher Mittagessen) Pfannkuchen auf Fietes Trangia-Kocher - mit Marmelade
oder nach Wahl mit Salami oder Käse (wir mußten es ja nicht
tragen) - alle sind zufrieden. Fünf Sterne, drei Kometen wie ein berühmter
Zeitgenosse sagen würde. Ach ja, zur Vorspeise gab es Müsli.
Der Tag bringt stabiles Wetter, lange Strecken Sonne und ein Vollbad von
Fiete und mir bei 13°C Wassertemperatur. Beim Hineinspringen bereue
ich schon meinen Entschluß - es ist wirklich unbeschreiblich kalt
- aber anschließend einfach phantastisch! Trotz Wind (und damit ohne
Mücken) hat man ein superwarmes Gefühl. Schnell abtrocknen und
im Wärmegefühl im T-Shirt die Sonnenstrahlen genießen.
Wir vertrödeln den Tag mit Essen, Klamotten am Feuer trocknen und
digestive Nebenprodukte entsorgen. Das ist das unangenehmste Kapitel des
Outdoor-Lebens in Nordschweden. Denn kaum hast du die Hose heruntergelassen,
hängen auch schon etwa 20 Mücken an deinen Beinen. Da sind schnelle
Reaktionen und gute Reflexe lebensnotwendig. Weitere Details möchte
ich mir an dieser Stelle sparen...
So vergammeln wir den Tag, opfern allerdings wenig J.W. und stehen
erst am
wieder auf,...
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