Mittwoch, 15. Juli 1998 - Vom Hotagen in den Lövsjön
Donnerstag, 16. Juli 1998 - Storön
Freitag, 17. Juli 1998 - Wilderes Wasser: Vom Lövsjön über den Hårkan in den Sandviksjön
Samstag, 18. Juli 1998 - Ruhetag mit Vogellärm
Mittwoch, 15. Juli 1998 - Vom Hotagen in den Lövsjön
...wieder auf, nachdem wir in der Nacht durch lautes Rufen der Pfadfindertruppe,
die durch unsere exponierte Position nahe an uns vorbeifuhr, kurz aufgewacht
sind. Es war drei Uhr morgens, wenn ich die erwische. Es ist wegen der
permanenten Helligkeit kein Problem, zu fahren wann man will. Man kann
seinen Tag-Nacht-Rythmus völlig aufgeben, hat dann aber Schwierigkeiten,
wenn es wieder in südlichere Gefilde geht.
Gegen 12 Uhr - bei schönem Wetter - verlassen wir dieses auf einem
Felsen über dem Ålvikfjärden nördlich
von Torsön gelegene Paradies an Tallön
vorbei.
Auf dem Weg sehen wir in einiger Entfernung vor uns schwere Gewitter,
einen völlig schwarzen Himmel über dem See Hotagen und ständig
Gewitter im Westen. Außer entferntem dumpfem Grollen und Blitzen
kriegen wir davon glücklicherweise nichts ab, sonst hätten wir
direkt wieder campieren können.
Wir paddeln weiter an Ålviken
vorbei und rasten hinter der Hundsnäset an einem Trümmerhaufen,
der einmal ein Windschutz war und von uns eigentlich wegen der drohenden
Duschgefahr aufgesucht wurde. Wieder haben wir Glück und können
unsere Tour trocken fortsetzen.
Wir erreichen den westlichsten Teil des Hotagen und erblicken
vor uns ein Inselgruppe aus elf Inseln. Am Himmel spielt sich derweil einiges
ab: graue und schwarze Wolken rasen ausnahmsweise mal nicht in großer
Entfernung vorbei, sondern genau auf uns zu. Mit Eintreffen der Regenwolken
nimmt schlagartig der Wind enorm zu, natürlich uns entgegen. Der See
ist sofort aufgewühlt; das ganze Szenario ist innerhalb von ein paar
Sekunden nicht nur mehr als ungemütlich, sondern in unseren Nußschalen
auf dem riesigen See sogar gefährlich. Unter großer Anstrengung
versuchen wir, den Windschatten einer Insel zu erreichen. Fiete und Jörg
haben zwar auch Probleme, aber in unserer "Eineinhalb-Mannschaft" muß
ich jetzt die Kraft für die fehlende Hälfte aufbringen. In Schweiß
gebadet und völlig fertig erreichen wir den ersten Windschatten. Da
sich zwischen den Inseln regelrechte Windkanäle entwickeln und die
Weiterfahrt noch schwieriger wäre, versuchen wir, gleich hier auf
der ersten Insel einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Das Inselchen ist
recht groß und hoch gelegen, also trocken. Aber trotz intensiver
Suche werden wir nicht fündig. Das Gelände ist viel zu steil
und dicht von Bäumen bestanden. Wir können es nicht glauben,
aber es findet sich keine halbwegs ebene Stelle von zwei mal zwei Metern.
Also doch weitersuchen. Von dieser Insel aus können wir zu weiteren
entweder rechts herum in einem längeren Weg über den offenen
See oder links herum durch einen "Windkanal". Dieser Weg hat den Vorteil,
daß - falls wir abgetrieben werden - immer noch eine gute Chance
auf Anlandung an der verlassenen Insel besteht. Also starten wir im Windschatten
mit einem Höllentempo und biegen handbremswendenartig bei voller Fahrt
in den Windkanal ein. Tatsächlich verlieren wir zwar enorm an Geschwindigkeit,
aber es reicht, um die nächste Insel zu erreichen. Dieses Spielchen
wiederholen wir noch einige Male in ähnlicher Form, da die meisten
Inselchen durch ihre Flachheit und den hohen Wasserstand des Sees eher
Sümpfen gleichen. Einige sind gar völlig überspült;
es ist eine gespenstische Szene: mitten im sturmgepeitschten See in einer
dunkelgrauen Umgebung sieht man nur noch die Bäume im Wasser stehen.
Man kann mit dem Kanu teilweise über die Inseln fahren.
An einem Inselufer entdecken wir beim Anlanden ein scheinbar verlassenes
oder aus dem Nest gefallenes braunes Ei mit schwarzen Sprenkeln. Trotzdem
halten wir Abstand, um die Brut nicht zu stören. (Vielleicht ist es
von einem Prachttaucher, unser Bestimmungsbuch läßt uns im Stich.
Da wir solche einzelnen Eier später noch einmal antreffen, gehen wir
davon aus, daß der betreffende Vogel wohl diese einfachste aller
Nestbauvarianten gewählt hat). Die östlichste der Inseln besitzt
einen idealen Platz zum Zelten und hat eine von anderen Outdoor-Enthusiasten
vorbereitete Feuerstelle mit Sitzplatz und Brennholzvorrat zu bieten. Wir
beschließen, bei einer warmen Mahlzeit unsere weitere Tagesplanung
zu besprechen.
Die Vildmarksgryter von Blåband schmeckt hervorragend.
Da es noch sehr früh am Tag ist und der Wind deutlich nachgelassen
hat, beschließen wir die Weiterfahrt, um auch noch eine ätzende
Umtragestelle (Hovdet) hinter uns zu bringen.
Auf dem Weg zur Stavarnäset sehen und hören wir wieder ein
Gewitter, welches uns aber in Ruhe läßt. Immer wieder ziehen
dunkle Wolken auf uns zu und wieder weg. Nervig ist zudem auch noch ein
Kanu, welches uns immer wieder den Weg abschneidet: Zig und Zag alias Fiete
und Jörg. Kurz vor der Stavarnäset erreichen uns
mal wieder dunkle Wolken, dieses Mal allerdings sehen wir einen etwa zwei
Kilometer vor uns liegenden Ort (Laxviken) schon in einem
prasselnden Regenschauer verschwinden. Wir einigen uns in einem kurzen
Gespräch darauf, den hinter der Näset liegenden Windschutz anzufahren,
um uns vielleicht noch vor dem Regen in Sicherheit bringen zu können.
Kaum um die Nase herumgefahren, pladdern schon die ersten Tropfen herab.
Es ist ein faszinierndes Erlebnis zu sehen, wie schnell die Regenfront
auf uns zukommt und immer mehr des in Reichweite liegenden Landes einfach
im Dunst verschwindet. Silke und ich ziehen unsere Ponchos an, obwohl es
noch nicht so stark regnet. Zig und Zag ziehen es vor, Poncho Poncho sein
zu lassen und statt dessen Vollgas auf den mittlerweile nur noch schemenhaft
zu erkennenden Windschutz zu zu paddeln. Die Entfernung beträgt noch
etwa 300 m, eigentlich ein Katzensprung. Aber in diesem Moment erreicht
uns die Regenfront mit ihrer ganzen Wucht. Innerhalb von wenigen Sekunden
prasselt ein furchtbarer Schauer herab, nimmt der Gegenwind (was auch sonst,
wir könnten ja auch Glück haben) um etliches zu und peitscht
regelrechte Wellen über den See. Jörg wirft sich noch schnell
den Poncho über, Fiete beläßt es bei seinem Hemd. Alle
paddeln wie die Wilden gegen den Wind und die Wellen. Jörg und Fiete
kommen leidlich voran, Silke und ich - noch etwas ausgelaugt von der ähnlichen
Paddelei vor den Inseln - fahren bei vollem Einsatz langsam rückwärts.
Selbst die größte Anstrengung bringt uns nicht voran, sondern
immer weiter von unserem Ziel weg. Wir schauen uns um und beschließen,
um wenigstens trocken zu bleiben, uns einfach vom Wind an das gegenüberliegende
Ufer, von dem wir vor ein paar Minuten gestartet waren, treiben zu lassen.
Kurze Zeit später drückt uns mit ziemlichem Tempo der Wind in
die Weidengebüsche am Ufer, das Boot macht viel Wasser, weil in dieser
Schräglage die Wellen gut in das Boot platschen können. Nach
vielleicht zehn Minuten ist der Spuk vorbei, es regnet nur noch mäßig
und langsam zeichnet sich das gegenüberliegende Ufer mit dem Windschutz
ab. Wir paddeln sofort los, aus Sorge, die Situation könne sich wiederholen.
Aber wir erreichen wohlbehalten, aber völlig fertig unseren Treffpunkt.
Nach einer kurzen Pause entscheiden wir uns für eine Fortsetzung
des Weges und gegen eine Übernachtung am Windschutz (trotz der schönenen
Feuerstellen und Zeltmöglichkeiten).
Wir denken, daß wir ausgeruht
und trocken am nächsten Tag wenig Lust haben, uns an der Umtragestelle
zu verausgaben. So steigen wir nach Entwässerung der Boote wieder
ein und steuern auf das linke Ufer am Stauwehr zu. Wir halten respektvollen
Abstand von etwa 200 m, da das Tosen der Wassermassen in uns üble
Phantasien hervorruft. Trotzdem ist der Abstand gerade ausreichend. Man
sieht wenige Meter von unseren Booten die mittlerweile wieder fast glatte
Wasserfläche abreißen und in welliger Form und immer schnellerer
Geschwindigkeit auf das Wehr zulaufen. Hier hätte ein deutlicher Hinweis
in der Fahrtbeschreibung die Schrecksekunde verhindern können. Dazu
kommt noch, daß jegliche Schilder oder gar Bojen und Leinen fehlen.
Einmal in der Strömung und selbst ein Kanuweltmeister macht dann gar
nichts mehr.
Wir erreichen sicher die Umtragestelle. Deutlich sieht man, daß
hier vor kurzem noch Kanus aus dem Wasser gezogen und umgesetzt wurden.
Nachdem die Boote auf den Kanuwagen vertäut wurden, sehen wir uns
erst einmal in Ruhe das Stauwehr an. Zunächst fällt auf, daß
uns Unmengen von Mücken und kleinen - aber harmlosen - Fliegen einen
netten Empfang bereiten. Je weiter wir auf das Wehr kommen, desto mehr
Insekten sind in der Luft und auf dem Wehr. Es paßt irgendwie zur
Stimmung.
Das Wehr selber ist zum Teil geöffnet und läßt gewaltige
Wassermassen durch. Der Ablauf ist oberflächlich und zwischen Wasseroberfläche
und Unterkante Wehrtor etwa 40 cm Abstand. Gerät man also zu weit
in die Strömung, wird man einfach hineingezogen und geköpft.
Nette Vorstellung, die uns veranlaßt, bei zukünftigen Annäherungen
an Wehre etwas mehr Abstand zu lassen...
Während Fiete bei den Booten bleibt, schauen die anderen nach
der nächsten Einsatzstelle. Die Angabe auf der Karte (500 m) ist sehr
genau, außerdem ist die Wegstrecke einigermaßen eben und gut
befahrbar. In der Zwischenzeit kommt Fiete mit einem Schweden ins Gespräch,
der ihm über den nach der Einsatzstelle folgenden Wasserfall einiges
berichten kann: Man solle sich unbedingt ganz links in möglichst kleiner
Entfernung zum Ufer halten, da es rechts extrem gefährlich ist. Zwei
deutsche Paddler sind vor einigen Jahren rechts gefahren und in den Wasserfall
geraten. Sie hatten Glück und überstanden die Tortur fast unverletzt.
Das Kanu wurde allerdings zertrümmert (die halten normalerweise eine
Menge aus) und die Ausrüstung war weg. Ein paar Tage später hat
man sie dann in einem Wäldchen ziemlich unterkühlt gefunden.
Der Schwede empfiehlt uns daher, immer ein Feuerzeug, ein Messer und das
Nötigste zur ersten Hilfe am Körper mitzuführen, da diese
Gegenstände im zerschmetterten und abgetriebenen Boot wenig Sinn machen.
Man müsse in der Lage sein, ein paar Tage zu überstehen, da Hilfe
vom Fluß nicht möglich sei und die Suche in den angrenzenden
Wäldern etwas dauern könne.
So treten wir topmotiviert unser erstes "richtiges" Abenteuer an. Zunächst
schieben wir die Kanus auf den "Wagen" (Gestell mit zwei Rädern, der
Begriff Wagen täuscht etwas) 500 m bis zur Einsatzstelle. Dort montieren
wir die Geräte wieder ab, vertäuen alles besonders gut in den
Booten und schauen uns die Paddelstrecke bis zum Wasserfall an. Der Fluß
macht hier zwischen Wehr und Wasserfall eine leichte Rechtskurve.
Somit verläuft die stärkste Strömung auf der linken Seite, ziemlich
dicht am Ufer. Von hier aus können wir zwei Ziele erkennen, die uns
der Schwede genannt hat, eine weiße und eine rote Hütte. Wir
einigen uns darauf, erst einmal an der weißen Hütte zu stoppen,
um uns den weiteren Weg anzusehen. Silke und ich fahren vor, Fiete und
Jörg folgen. Noch keine 50 Meter in der starken Strömung gefahren,
gerät mir eine der Fliegen, die sich in regelrechten Schwärmen
über der Wasseroberfläche aufhalten, ins Auge. Da wir mittlerweile
immer schneller dem Wasserfall zustreben, möchte ich halb blind nicht
mehr weiter fahren und steuere uns hinter einer Ufernase in ruhigeres Wasser.
Dort sitzen an einem Windschutz drei Personen, die wohl ähnliche Erfahrungen
gemacht haben. Während Silke mir die Fliege aus dem Auge operiert,
schießen Jörg und Fiete ziemlich schnell an der Nase vorbei,
lenken ebenfalls scharf ein und nehmen bei dieser Gelegenheit fast ihr
erstes Bad. So vorsichtig wie möglich fahren wir weiter zur weißen
Hütte, dann zur roten. Das geht bei dieser Strömung ziemlich
schnell. Das Donnern der Wassermassen vor uns wird immer lauter, so daß
Silke und ich zur Besichtigung der Umtragestrecke erst einmal aussteigen.
Dieses Wegstück erweist sich allerdings als extrem holprig, außerdem
müßten wir die Boote ein gutes Stück bergauf tragen. So
besichtigen wir noch einige Meter unterhalb verschiedene Stellen und entschließen
uns, bis zu der geeignetsten weiterzufahren. Hier befinden wir uns etwa
hundert Meter oberhalb des eigentlichen Wasserfalls. Silke und ich landen
an, Jörg und Fiete sehen uns zu spät und fahren noch ein Stück
weiter. Sie fahren etwa zwanzig Meter unter uns ans Ufer. Sie beschreiben
die Stelle als besonders geeignet und wir beschließen, diese zwanzig
Meter auch noch zu fahren. Da wir mit dem Bug am Ufer sind, schieben wir
uns mit dem Heck voran in den Fluß, um zu wenden. Eine ziemlich dumme
Idee. Das Heck ist noch nicht ganz in der Strömung, da wird das Kanu
herumgerissen und wir treiben rückwärts auf den Wasserfall zu.
Ein paar kräftige Paddelschläge befördern uns sofort wieder
ans Ufer. Wir verzichten auf weitere Experimente und zerren das Kanu heraus.
Was jetzt kommt, ist eigentlich kaum zu beschreiben. Etwa drei Meter oberhalb
des Flußufers verläuft um den Wasserfall herum ein Trampelpfad;
dieser ist allerdings durch den enormen Regen der letzten Zeit ein einziger
Sumpf. Große Steinbrocken erschweren überall das Fahren mit
dem Kanuwagen. Regelrechte Sumpflöcher, in die der Kanuwagen vollständig
einsinkt, können nur mit der Hilfe aller an einem Kanu überwunden
werden. An verschiedenen Stellen sind Bohlen angebracht, um bei besonders
schwierigen Passagen den Wagen überhaupt fahren zu können. Dort
sind jeweils zwei Bohlen etwa in der Breite des Kanuwagens verlegt. Da
man allerdings beim Überqueren weder die Bohlen noch den Wagen sehen
kann, landen wir mehr als einmal dennoch im Morast. Als Höhepunkt
löst sich dann nach etwa 150 beschwerlichen Metern der Kanuwagen von
unserem Boot und kann nur mit Mühen wieder einigermaßen flottgemacht
werden. Also alles in allem: absolute Sch...
Gut, daß wir unter uns sind, denn ich mache meinem Ärger
reichlich Luft und frage mich an manchen Stellen, ob der Kanuverleiher
oder ich den Verstand verloren hat.
Am Wasserfall machen wir eine kurze Photosession und sehen dabei, wie die drei Kanuten von
eben unserem Beispiel
folgen. Endlich können wir die Boote wieder zu Wasser bringen, unser
Tagesziel ist erreicht. Jetzt müssen wir nur noch einen geeigneten
Zeltplatz finden.
Es war ein langer Tag, es ist mittlerweile 21 Uhr 30. Wir treiben,
noch in der Strömung, sehr schnell in den Lövsjön.
Unterwegs fällt unser Blick auf einige Lager von Kanuten, unter anderem
die Schweizer, die ihre komplett durchnäßten Klamotten am Ufer
aufgehängt haben. Scheinbar sind sie nicht so weit gekommen, wie sie
eigentlich wollten. Die Meisten am Ufer waren ebenfalls in Little-Lake-Hill
Kanus unterwegs. Unsere Vorstellung von Einsamkeit, die in den letzten
Tagen schon etwas arg gelitten hat, wird nun völlig zerstört,
da wir uns vorstellen, daß wir mit diesem guten Dutzend Kanuten um
einen schönen Zeltplatz konkurrieren müssen. So legen wir keine
Pause ein, sondern paddeln, paddeln, paddeln. Wir steuern verschiedene
Ziele am Ufer an, stellen aber fest, daß aufgrund des hohen Wasserstandes
das meiste Akzeptable überschwemmt ist. In den Wäldern stehen
die Bäume so dicht, daß ein Zelten unmöglich ist. Nach
gut einem Kilometer entdecken wir einen Kahlschlag. Silke und ich steigen
aus, werden dabei fast von Mücken gefressen und stolpern hundert Meter
hinter dem Ufer auf eine Schotterpiste. Auch hier ist Zelten weder möglich
noch von uns gewünscht. Allerdings sehen wir von diesem Plätzchen
aus eine relativ große Insel in einem weiteren Kilometer Entfernung:
Storön. Wir sind alle fix und fertig, es ist mittlerweile
22 Uhr 30 als wir die Insel erreichen. Silke steigt aus, hat aber Zweifel
und zieht Fiete als Berater hinzu. Der schaut nicht lange hin und sagt,
daß wir hier zelten können.
Wir könnten auch nicht mehr weiterfahren, selbst wenn wir alle
in Schräglage in den Zelten liegen müßten. Alle sind von
der zehnstündigen Marathonpaddelei absolut fertig, außerdem
wird es mittlerweile empfindlich kalt. Die Sonne geht zwar hier nur etwa
eine Stunde unter und es ist auch dann noch hell, aber es reicht nicht
mehr zum Wärmen. Mit letzter Kraft und bei einsetzendem Regen werden
die nicht ganz so steilen Stellen mit Zelten bestückt, die Sachen
ausgepackt und trockene Klamotten angezogen. Einer hat schon ein wärmendes
Feuer entzündet, ein anderer den Kakao mit Johnnie Walker vorbereitet.
Das Wasser im Kessel braucht eine ganze Weile - etwa zwei Zigarettenlängen
- bis es kocht und den Schlummertrunk fertigstellen kann. Währenddessen
sehen wir zwei Kanus vorbeifahren. Das war wohl die Dreiergruppe, mittlerweile
auf vier Personen angewachsen. Die paddeln immer noch munter und werden
uns wahrscheinlich den nächsten Zeltplatz blockieren. Mein Pessimismus
wird von den anderen nicht geteilt. "Die sind schon weg, wenn wir zum nächsten
guten Platz kommen". Nun gut. Selbst wenn, im Moment kann es sowieso niemand
ändern, denn weiterfahren und ein Wettrennen aufnehmen möchte
von uns keiner. Wir sind eben von Lappland im Sommer 1995 etwas verwöhnt.
Da mußte man sich sehr anstrengen, jemanden zu Gesicht zu bekommen.
Das bißchen Regen stört im Moment nicht weiter. Niemand hat
Lust, auch noch einen Regenschutz aufzubauen. Von den Fleece-Klamotten
perlen die Tropfen eine ganze Weile ab und vor dem Gang ins Zelt kann man
die Wasserschicht prima abschütteln. An diesem Abend reicht es noch
nicht einmal für einen weiteren Johnnie, alle wollen nur noch in den
Schlafsack.
Donnerstag, 16. Juli 1998 - Storön
Erst um zwölf kriecht der Erste aus dem Zelt. Die Sonne lächelt doch tatsächlich ein bißchen und innerhalb einiger Minuten kehren die Lebensgeister wieder zurück. Es wird ein ausgiebiges Frühstück zelebriert: mit selbstgebackenen Brötchen vom Stock, gebratener Salami, Müsli mit echter Milch aus Milchpulver und - zur Feier des Tages - zwei Näpfen Kaffee. Von der etwa 30 prozentigen Schräglage beim Schlafen erholen wir uns nur sehr langsam und verplempern den Tag mit Gammeln, Feuer machen und sonstigem Unsinn. Der Wind nimmt stetig zu, zur Begeisterung aller, denn dann gibt es keine Mücken. So kann man für schwedische Verhältnisse leichtbekleidet ein Sonnenbad nehmen. Wenn der Wind zu unangenehm ist, verkriecht man sich kurz in den Schlafsack oder hinter den Windschutz oder beides. So langsam schmerzen die Knochen nicht mehr so arg und man kann über das nächste Tagesziel nachdenken. Da die Karte bis zum nächsten, von Ove ausdrücklich als "x-gut" bezeichneten Platz wenig Alternativen bietet, beschließen wir im Übermut der zurückgelegten Monsterstrecke des gestrigen Tages, morgen ganz locker die Luftlinienentfernung von 17 km anzugehen.
Bis dahin entspannen wir uns noch bei den letzten Sonnenstrahlen und können
noch ausgiebig über die besten Voraussetzungen beim Entsorgen der
digestiven Nebenprodukte in der Wildnis diskutieren. Denn das Geschäft
ist hier - wie schon mal erwähnt - ein Kapitel für sich. "Hose
runter: Wind aus, Mücken da; Hose hoch: Wind an, Mücken weg".
O-Ton Fiete. Es ist zum Verzweifeln, aber es stimmt wirklich.
Währenddessen geht Jörg seiner Leidenschaft, dem exzessiven
Einreiben mit Dschungel-Olja nach. Erstaunlich, was die Schweden in ein
so winziges Fläschchen hineinkriegen. Es ist so gegen 22 Uhr, als
nach unserer kulinarischen Suppenvorspeise der Wind nachläßt,
bis er schließlich ganz aufhört. Sofort sind die kleinen Blutsauger
wieder da und machen das Spaghettiessen zur akrobatischen Einlage. Denn
außer Jörg möchte sich keiner mehr so recht mit dem Anti-Mücken-Mittel
einreiben. Man weiß nicht, was schlimmer ist, die juckenden Mückenstiche
oder die etwas aggressive Mixtur. Unser Lagerfeuer hat heute höchstens
vier mittlere Birken verschlungen, von kleineren Hölzchen mal abgesehen.
Mein Mückenfluchen stört die Überlegungen, ob ein solcher
Urlaub noch altersgemäß ist, nur wenig. Die Alternative Seychellen
werde ich erst mit 60 und den nötigen Finanzen in Angriff nehmen.
Mein Thermometer meldet für den Tag 11,5° C , für den
Abend immerhin noch 8° C. Und wir sitzen immer noch draußen.
Das würde zu Hause niemandem einfallen. Nach diversen heißen
Spezialgetränken erklären wir diesen Tag für beendet und
verschwinden in den Zelten.
Freitag, 17. Juli 1998 - Wilderes Wasser: Vom Lövsjön über den Hårkan in den Sandviksjön
Um elf brät uns doch tatsächlich die Sonne langsam in den Zelten. Wer verliert diesen Morgen den Kampf zwischen Aufstehenmüssen, aber keine Lust zum Feuer- und Kaffeemachen haben? Ich kapituliere als erster und werfe das Feuer an, setze den Wasserkessel auf und säubere die noch kakaobeschmierten Näpfe von gestern mit einem Schluck heißen Wassers. So gegen halb zwölf gibt es Kaffee, Milch und Müsli. Alle berichten übereinstimmend, daß sie von Krähen aufgewacht sind, die dicht über die Zelte flogen und dabei ein Höllengekrächze abließen. Wir frühstücken ausgiebig, denn heute ist theoretisch die Mammutstrecke von 17 km dran; mal sehen. In der Sonne läßt es sich aushalten, Schlafsäcke und Isomatten trocken bzw. lüften sehr schnell. Erst um halb zwei brechen wir auf.
Zunächst geht es
etwa vier Kilometer über den Lövsjön, bis
uns am Ausgang unsere erste fahrbare Stromschnelle, die Lövsjöströmmen,
erwartet. Ove hat uns an dieser Stelle in die Karten geschrieben: "Achtung,
kein Problem". Na, dann schaun mer mal. Die erste Stromschnelle erstreckt
sich über 200 bis 300 m, fast einen Kilometer weiter die zweite in
einer leichten Rechtsbiegung. Wir lassen die kleine Insel am Ausgang des
Sees rechts liegen und steuern so gerade wie möglich auf die erste
Strömung zu. Die Hinterleute machen sich bereit zu lenken, die Vorderleute,
angesichts der wogenden Wassermassen 200 m vor uns, ein Bad zu nehmen.
Etwas mulmig ist uns allen schon, denn das immer lauter werdende Getöse
unterscheidet sich in der Intensität kaum von dem vorgestrigen Wasserfall.
Zudem werden wieder die Zeichen für zunehmende Strömung am Auslauf
des Sees registriert und mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Wir halten
Ausschau nach eventuell herausragenden Steinen, können aber keine
entdecken. Das Kanus werden immer schneller, warum Silke und ich wieder
vorfahren müssen, ist mir ein Rätsel. Dann sind wir mittendrin.
Die Steuerleute kugeln sich fast die Arme aus, um die sehr schwerfälligen
Kanus längs in der Strömung zu halten. Interessant sind die Stellen,
an denen das Wasser von allen Seiten in ein Zentrum zu strömen scheint
und die Boote darin kräftig gedreht werden. Die Wellen erreichen teilweise
gut doppelte Bootshöhe und durch das kräftige Unterschneiden
machen die Kanus viel Wasser. Aber alles geht eigentlich ganz gut, wenn
es auch sehr anstrengend ist. Nach der ersten Stromschnelle gibt es eine
etwas ruhigere Passage von gut 600 m, dann folgt die zweite. Hier wird
alles noch etwas quirliger, wir entdecken viele Steine, die aber wegen
des hohen Wasserstandes hohe Wellen auftürmen und deshalb alle zu
überfahren sind. Am Ende der willkommenen Abwechslung nach der schier
endlosen Paddelei über riesige Seen sind die Boote gut zu einem Viertel
mit Wasser gefüllt, die Vorderleute völlig naß, während
die Steuerleute nur mit den Füßen im Wasser stehen. Laut Karte
betrug das Gefälle etwa fünf Meter auf eineinhalb Kilometer.
An einer kleinen Insel, die auf der Karte zwar eine Landzunge ist, aber
nun fast völlig überspült, stoppen wir, um die Boote zu
entleeren. Aussteigen und umdrehen ist nicht möglich, da wir auf der
Insel sofort einsinken. Wir nehmen unsere Näpfe und schaufeln das
Wasser heraus. Anschließend geht es zwei Kilometer über den
Ockern. In der langsamen Strömung lassen wir uns treiben
und knabbern zur Stärkung ein paar Müsli-Riegel. Die Sachen trocknen
in dem wenigen Sonnenschein erstaunlich schnell (Billig-Version von Fjällrävens
G1000-Klamotten).
Am Ausgang des Sees zieht es uns immer schneller in den Hårkan. Im Vorbeifahren macht sich eine deutsche Pfadfindergruppe bemerkbar. Sie erzählen, daß ein Boot in den Stromschnellen gekentert ist und sie in den am Ufer stehenden Hütten eine Pause zum Trocken einlegen müssen. Mit wenigen Paddelschlägen erreichen wir nach eineinhalb Kilometern die Straßenbrücke der L 341 über den Hårkan. Auf der Brücke und auf der neben dem See verlaufenden Straße machen die Lastwagen und Autos einen unglaublichen Lärm. Hier hört man recht deutlich, wie laut es eigentlich ist, wenn man nicht selber im Auto sitzt. Etwa 300 m hinter der Brücke hören wir am Ufer einen Bach plätschern. Da unsere Wasservorräte fast erschöpft sind, streben wir eiligst dem Geräusch zu. Nach einiger Suche in einem sumpfigen Gelände finden wir das Bächlein und füllen einen Wassersack. Die Brühe ist allerdings sehr trübe und fast schwarz, so daß wir spontan beschließen, weiterzusuchen. Also, dem Hårkan weiter folgen und aufmerksam lauschen, ob es nicht irgendwo plätschert. Da nächste Plätschern kommt allerdings von einem Stauwehr an einem Kraftwerk zwei Kilometer hinter der Brücke. Hier müssen wir - dieses Mal in einem respektvollen Abstand - auf die rechte Flußseite und um das Kraftwerk herumtragen. Wie sich bei der Anfahrt herausstellt, ist hier der große Abstand nicht nötig, da das Wasser im Gegensatz zur ersten Staustufe am Hotagen hier am Fuß abgelassen wird und auch direkt am Wehr keine gefährliche Strömung auftritt. Trotzdem ist ein großer Bogen für unsere Nerven verträglicher. Das Umtragen, oder besser Rollen auf den Wagen, ist dieses Mal recht passabel. Nach einer kleinen Böschung, die mit den beladenen Kanus etwas schwierig ist, geht es ansonsten die nächsten 300 m eben bzw. mit mittlerem Gefälle abwärts zur Einsatzstelle.
Wir schauen uns das Wehr genau an und sind von dem Anblick begeistert.
Das Tosen der Wassermassen, die aus den Regulierungstoren mit unglaublicher
Gewalt ausströmen und ein paar Meter weiter in einem brausenden Chaos
abgebremst und zu einer riesigen Welle aufgetürmt werden, ist mehr
als beeindruckend.
Wer hat dieses Bild gemacht? Was für eine Perspektive...
Wie winzig und hilflos kommt man sich doch in seinen Nußschalen vor und kann sich kaum ausmalen, wie man in einer solchen
Flut aussehen würde. An der Einsatzstelle unterhalb des Kraftwerkes
steht ein Windschutz mit Feuerstelle und gehacktem Holz, ein Tisch mit
Bänken (allerdings schon sehr marode und wohl nicht mehr lange benutzbar)
und eines der von manchen geliebten, von den meisten gefürchteten
Plumpsklos. Allerdings hatten wohl einige Zeitgenossen keine Ahnung, wie
man so ein Teil benutzt. So sieht es jedenfalls aus. Dazu haben einige
Hirnlose ihren Müll einfach ins Häuschen gestellt, obwohl am
Kraftwerk große Müllbehälter stehen.
Wir überlassen diese Angelegenheit sich selbst und legen am Tisch
eine ausgiebige Pause ein.
Bequem im Sitzen bereiten wir gegen 17 Uhr eine leckere Mahlzeit zu, da fällt es auch nicht auf, daß wir versehentlich zwei verschiedene Gerichte miteinander vermengen. Geschmeckt hat es nach diesen Anstrengungen trotzdem. Kurz im Fluß gespült, brechen wir zur anstrengendsten Etappe auf. Anstrengend deshalb, weil bis zu unserem lohnenden Ziel, dem nach Oves Angaben "x-guten" Zeltplatz mit eigenem Badestrand, sechs Kilometer über den Sandviksjön zu paddeln sind. Und das nach unserer angenehmen Erfahrung mit der doch kräftesparenden Strömung. Durch das Ziel einigermaßen motiviert, kämpfen wir uns gegen den Wind voran. Von wegen, in 90 Prozent aller Fälle hat man hier Rückenwind. Bei uns war es fast permanent umgekehrt. Unterwegs finden wir noch ein wesentlich klareres Bächlein, bei dem wir unsere Wasservorräte ergänzen und leider auch einen Teil des Verschlusses eines Wassersackes verlieren, was wir aber aufgrund der etwas komplexen Verschlußkonstruktion nicht sofort bemerken. Ziemlich am Ende unserer Kräfte nähern wir uns der Insel mit dem sensationellen Zeltplatz, die in herrlichem Sonnenschein liegt und von Ferne noch mal so gut aussieht wie beschrieben. Umso größer ist dann unsere Enttäuschung, als wir beim Näherkommen feststellen, daß der gute und - wie wir sofort erkennen können - einzige in der näheren Umgebung brauchbare Platz schon belegt ist. Und das nach dieser Tortur. Da wir keine Lust haben, uns in ein - wahrscheinlich deutsches - Campingidyll zu drängeln und die Abenteurer dort wahrscheinlich wenig von unserem Erscheinen begeistert wären, suchen wir weiter. Nach gut einem Kilometer werden wir schon fündig.
Auf einer winzigen Insel, die auf der Karte aussieht wie eine Sanduhr und an der breitesten Stelle etwa 15 m mißt,
finden wir ebene Zeltplätze, eine schöne Feuerstelle mit Sitzmöglichkeit
auf Baumstämmen rundherum und einem kleinen Kiesstrand. Diesen nutzen
Silke und Jörg gleich zu einer ausgiebigen Waschaktion, bevor die
Sonne so tiefsteht, daß es mit dem Trocknen der Haare schwierig wird.
Zur Feier des Tages und des - wie wir einstimmig meinen - noch schöneren
Zeltplatzes gibt es viel Tee und Kakao mit JW und Rum, dazu Spaghetti ohne
Soße. Ein Gedicht. Am nächsten Morgen, am
Samstag, 18. Juli 1998 - Ruhetag mit Vogellärm
entscheiden wir uns für einen Gammeltag, um uns etwas zu erholen.
Als Höhepunkte gibt es ein (wahrscheinlich) Prachttaucherpärchen
und einen Fischadlerhorst. Die Prachttaucher versuchen lebhaft, uns mit
allerlei Kapriolen von ihrem Nest fernzuhalten. Ein richtiges Nest gibt
es wie bei der ersten Begegnung auf dem Hotagen eigentlich nicht, es besteht
aus einem am Ufer liegenden Ei, welches mit seiner Fleckfärbung kaum
zu erkennen ist. Der Fischadler hat am Ende des Eilandes sein Nest mit
einem Jungvogel. Da dieser sein Mißfallen lautstark kundtut, betreten
wir von dieser Entdeckung an den hinteren Teil der Insel nicht mehr, um
die Tiere nicht zu stören. Mit dem Fernglas sehen wir auf der x-guten
Insel mittlerweile sechs Kanus. Vielleicht sind die Pfadfinder wieder trocken
und haben uns eingeholt. Ansonsten gibt es nichts besonderes. Wir modeln
den übriggebliebenen Pfannkuchenteig zu Brötchenteig um und backen
sie mit erstaunlichem Erfolg auf einem im Feuer erhitzten Stein zu Brötchen,
die tatsächlich fast so aussehen, wie man sie mal beim Bäcker
gesehen hat. Dazu gibt es Salami vom heißen Stein, Fiete kombiniert
beides und erfindet so Salami im Schlafrock. Ansonsten gibt es viel JW
und Rum, obwohl wir bei unserer Bestandsaufnahme heute einen ziemlichen
Schwund festgestellt haben.
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Schweden --- Hårkan '98 ---
Texte und Bilder --- Jetzt wird's ernst
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