Letzte Zuckungen
Mittwoch, 22. Juli 1998 - Angeln und Basteln
Donnerstag, 23. Juli 1998 - Die Hölle
Mittwoch, 22. Juli 1998 - Angeln und Basteln
bringt in der Frühe erneut Regen. Wir schlafen wieder ein, bis am etwa einen Kilometer entfernten Ufer jemand mit der Kettensäge hantiert. Zum Frühstück gibt es zum obligatorischen Kaffee und Müsli Pfannkuchen. Den Tag vergammeln wir mit Schnitzen, Anfertigen von Blinkern aus Müsli-Riegel- Verpackungsfolie und einigen erfolglosen Angelversuchen. Am Blinker kann es nicht liegen, denn diese Primitivkonstruktion dreht sich schnell und blinkt wie wild dabei. Mein Vorschlag, den mittlerweile schönen Tag zum Paddeln zu nutzen, wird nicht angenommen. Hoffentlich regnet es morgen nicht, denn da müssen wir paddeln, um im Zeitplan zu bleiben. Fiete bastelt ein Auslegerbötchen und wir betrinken uns sinnlos. Kon-Tiki treibt, wie eine Stunde zuvor Jörgs Billigausgabe eines Bootes, gegen den Wind ziemlich schnell außer Sicht.
Donnerstag, 23. Juli 1998 - Die Hölle
Außer ein paar Tropfen in der Nacht, hat es nicht geregnet. Wir
stehen so gegen 10 Uhr auf; der Himmel ist grau. Zum zweitenmal auf dieser
Tour haben wir Rückenwind, so daß wir schnell frühstücken,
einpacken und um 12 Uhr abfahren. Nach drei Kilometern erreichen wir die
nächste Umtragestelle. Noch ist uns nicht bewußt, was uns erwartet.
Inzwischen scheint die Sonne vom beinahe wolkenlosen Himmel und heizt uns
jetzt schon mächtig ein. Der Ausstieg ist einfach; nach ein paar Metern
erreichen wir die Straße (Schotterpiste). Nun beginnt der qualvollste
Teil unserer Reise. Fiete und Jörg preschen schnell voraus, kein Wunder,
sind doch zwei MS (Männerstärken) am Zug. Silke und ich kämpfen
uns wesentlich langsamer voran. Schon nach einem Kilometer ist von unseren
beiden Mitreisenden nichts mehr zu sehen. Wir ziehen ein schwarzes Kanu
und ausgerechnet die schwere Essenstonne durch leere Wälder auf einer
staubigen Schotterpiste bei einer Wahnsinnshitze, begleitet von Hunderten
von Mücken und Dutzenden von großen Bremsen.
Bei dieser Hitze müssen wir mehrfach ausruhen. Die vier
Kilometer kommen uns vor wie 40. Wir haben kein Wasser mehr mitnehmen können,
so daß wir jetzt dursten. Außerdem geht es fast permanent leicht
bergauf, manchmal auch steiler. Kurz gesagt, es ist die Hölle. Ich
bin vor allem wenig begeistert darüber, daß Ove es uns so einfach
beschrieben hat. Wir bereuen es bitter, daß wir uns nicht am Lits
Camping abholen ließen, obwohl wir dann auf den letzten supertollen
Zeltplatz hätten verzichten müssen. Am Ende unserer Kräfte
angelangt, sehen wir in einiger Entfernung Jörg an einer Abzweigung
stehen. So mobilisieren wir unsere letzten Reserven und schleppen uns die
letzten Meter dorthin. Da sitzen Fiete und Jörg auf ihrem Kanu. Mit
Entsetzen sehen wir die letzten 300 Meter durch einen Waldstreifen hinunter
zum See. Bis auf wenige Flecken ist alles sumpfig bis unter Wasser. Mit
letzter Anstrengung schleifen wir die Kanus mehr als daß wir sie
mit dem Wagen rollen könnten. Es ist einfach furchtbar. Teilweise
stecken die Kanus komplett mit Wagen bis zum Boden im Schlick; wir natürlich
auch. Wir versuchen, durch das umliegende Gestrüpp diese Fallen zu
umgehen. Das geht zwar ebenfalls recht schwer, ist aber noch einen Hauch
angenehmer. An einem steilen Stück kippt unser Kanu um, es fällt
aber zum Glück nichts raus. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich durch
einen mittleren (Anm. d. Red. schweren) Wutanfall abzureagieren. Gut, daß
die kleine Axt tief in einer Tonne verpackt ist! Ich stelle mir vor, wie
ich unseren Verleiher, der bei der Beschreibung dieses Teils sehr zurückhaltend
war, langsam im Sumpf versenke und ich fühle mich gut dabei. Auch
die Konstrukteure der Kanus (Coleman 16 Gold Medalist) konnten sich nicht
richtig in solche Situationen hineinversetzen. Die Griffe zum Tragen bzw.
Ziehen sind in einer Richtung sehr scharf und eigentlich nur mit Handschuhen
benutzbar. Als wir endlich wieder im Sännsjön schwimmen,
merken wir erst, daß wir uns völlig verausgabt haben. Silke
und ich sitzen mit knallroten Köpfen erst einmal zehn Minuten im Boot
und kühlen uns mit dem Seewasser ab. Wir reinigen unsere Schuhe, indem
wir die Füße im See baumeln lassen. Der auffrischende Wind (auf
dem schrecklichen Weg war von Wind keine Spur!) treibt uns ausnahmsweise
mal in die richtige Richtung, so daß wir in dieser Zeit trotzdem
ein gutes Stück ohne Anstrengung vorankommen. Im Anschluß geht
es nach insgesamt 7 Kilometern über einige kleine Seen. Fiete und
Jörg fahren so weit vor, daß wir nicht wissen, wo es hingeht
und den beiden treudoof folgen müssen. Dabei fahren wir jede Bucht
ab, anstatt bei diesen guten Verhältnissen durch direktes Überfahren
des Sees den Weg abzukürzen. Meine Begeisterung über diesen und
den davorliegenden Alleingang durch Zig und Zag hält sich in Grenzen.
Endlich sehen wir den Eingang zum Little-Lake-Hill-Haussee, dem Kråksjön,
und stochern die letzten Kilometer (mit einer stellenweise guten Gegenströmung)
bis zum Ziel.
G E S C H A F F T ! ! !
Wir treffen Ove beim Bau eines neuen Plumpsklos direkt bei der Zeltwiese.
Wir berichten kurz über unsere Schwierigkeiten. Er sagt, daß
das Wasser in diesem Sommer so hoch steht, wie im Frühjahr zur Schneeschmelze.
Wir packen also die Kanus aus und ziehen sie auf den Wagen die letzten
Meter auf den Hügel zu Ove's Haus. Dort holen wir unsere Rucksäcke
und Wasser. Ove reserviert für uns telefonisch Plätze für
den Zug nach Stockholm. Leider ist der Zug morgen um 10 Uhr
30 ein X2000, für den wir pro Person etwa 50 DM Zuschlag bezahlen
müßten. Daher entscheiden wir uns, sehr zu Ove's "Freude", mit
Grauen für den Zug um 6 Uhr. Das heißt, wir müssen um 4
Uhr 15 aufstehen und abbauen, damit wir um 5 Uhr 30 zur Abfahrt bereit
sind. Ove bringt uns zum Bahnhof nach Östersund. Am
letzten Abend zu Lillsjöhögen (heißt übrigens
wirklich soviel wie Little-Lake-Hill) bereiten wir alles vor, um am nächsten
Morgen möglichst wenig machen zu müssen. Am Feuer genehmigen
wir uns noch ein paar Dosen Class-II-Bier (die Silke und Fiete gleich nach der Ankunft
durch einen 4 Kilometer Fußmarsch herbeigeschafft haben!) und Vildmarksgryta,
bevor uns die Mücken schon um 23 Uhr ins Zelt treiben. In der Nähe
arbeitet noch bis ca. 23 Uhr 30 ein Bagger, damit ist an Einschlafen nicht
zu denken. Dann endlich Ruhe. Die Ruhe währt nicht lange. So gegen
Mitternacht hört man Schritte und ein merkwürdiges, dumpfes Glockenläuten(?).
Die Geräusche kommen näher, gehen am Zelt vorbei und verschwinden
in der Ferne, um kurze Zeit später wieder lauter zu werden. Ich denke
an ein ausgebrochenes Schaf mit Glocke von der Weide nebenan, als dieses
zu sprechen anfängt! Zu den Sprechgeräuschen gesellt sich ein
Rascheln, Klappern und Reißverschlußgeräusche. Spontan
denke ich an unsere Sachen, die zum Teil draußen stehen. Wie später
zu erfahren war, waren drei Männer kampflustig und eine Frau im Tiefschlaf
zur Verteidigung der Ausrüstung bereit. Nach und nach hört man
wie ein Zelt aufgebaut wird. Wohl Spätankömmlinge, wie die am
ersten Abend. Noch ein bißchen Schlaf, dann ist es auch schon
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