Zick Zack
oder Kanufahren in Jämtland,
Schweden, 10. - 26. Juli 1998

Ein Tagebuch von Christian Eisel


Letzte Zuckungen

Mittwoch, 22. Juli 1998 - Angeln und Basteln

Donnerstag, 23. Juli 1998 - Die Hölle


Mittwoch, 22. Juli 1998 - Angeln und Basteln

bringt in der Frühe erneut Regen. Wir schlafen wieder ein, bis am etwa einen Kilometer entfernten Ufer jemand mit der Kettensäge hantiert. Zum Frühstück gibt es zum obligatorischen Kaffee und Müsli Pfannkuchen. Den Tag vergammeln wir mit Schnitzen, Anfertigen von Blinkern aus Müsli-Riegel- Verpackungsfolie und einigen erfolglosen Angelversuchen. Am Blinker kann es nicht liegen, denn diese Primitivkonstruktion dreht sich schnell und blinkt wie wild dabei. Mein Vorschlag, den mittlerweile schönen Tag zum Paddeln zu nutzen, wird nicht angenommen. Hoffentlich regnet es morgen nicht, denn da müssen wir paddeln, um im Zeitplan zu bleiben. Fiete bastelt ein Auslegerbötchen und wir betrinken uns sinnlos. Kon-Tiki treibt, wie eine Stunde zuvor Jörgs Billigausgabe eines Bootes, gegen den Wind ziemlich schnell außer Sicht.

Donnerstag, 23. Juli 1998 - Die Hölle

Außer ein paar Tropfen in der Nacht, hat es nicht geregnet. Wir stehen so gegen 10 Uhr auf; der Himmel ist grau. Zum zweitenmal auf dieser Tour haben wir Rückenwind, so daß wir schnell frühstücken, einpacken und um 12 Uhr abfahren. Nach drei Kilometern erreichen wir die nächste Umtragestelle. Noch ist uns nicht bewußt, was uns erwartet. Inzwischen scheint die Sonne vom beinahe wolkenlosen Himmel und heizt uns jetzt schon mächtig ein. Der Ausstieg ist einfach; nach ein paar Metern erreichen wir die Straße (Schotterpiste). Nun beginnt der qualvollste Teil unserer Reise. Fiete und Jörg preschen schnell voraus, kein Wunder, sind doch zwei MS (Männerstärken) am Zug. Silke und ich kämpfen uns wesentlich langsamer voran. Schon nach einem Kilometer ist von unseren beiden Mitreisenden nichts mehr zu sehen. Wir ziehen ein schwarzes Kanu und ausgerechnet die schwere Essenstonne durch leere Wälder auf einer staubigen Schotterpiste bei einer Wahnsinnshitze, begleitet von Hunderten von Mücken und Dutzenden von großen Bremsen.
Bei dieser Hitze müssen wir mehrfach ausruhen. Die vier Kilometer kommen uns vor wie 40. Wir haben kein Wasser mehr mitnehmen können, so daß wir jetzt dursten. Außerdem geht es fast permanent leicht bergauf, manchmal auch steiler. Kurz gesagt, es ist die Hölle. Ich bin vor allem wenig begeistert darüber, daß Ove es uns so einfach beschrieben hat. Wir bereuen es bitter, daß wir uns nicht am Lits Camping abholen ließen, obwohl wir dann auf den letzten supertollen Zeltplatz hätten verzichten müssen. Am Ende unserer Kräfte angelangt, sehen wir in einiger Entfernung Jörg an einer Abzweigung stehen. So mobilisieren wir unsere letzten Reserven und schleppen uns die letzten Meter dorthin. Da sitzen Fiete und Jörg auf ihrem Kanu. Mit Entsetzen sehen wir die letzten 300 Meter durch einen Waldstreifen hinunter zum See. Bis auf wenige Flecken ist alles sumpfig bis unter Wasser. Mit letzter Anstrengung schleifen wir die Kanus mehr als daß wir sie mit dem Wagen rollen könnten. Es ist einfach furchtbar. Teilweise stecken die Kanus komplett mit Wagen bis zum Boden im Schlick; wir natürlich auch. Wir versuchen, durch das umliegende Gestrüpp diese Fallen zu umgehen. Das geht zwar ebenfalls recht schwer, ist aber noch einen Hauch angenehmer. An einem steilen Stück kippt unser Kanu um, es fällt aber zum Glück nichts raus. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich durch einen mittleren (Anm. d. Red. schweren) Wutanfall abzureagieren. Gut, daß die kleine Axt tief in einer Tonne verpackt ist! Ich stelle mir vor, wie ich unseren Verleiher, der bei der Beschreibung dieses Teils sehr zurückhaltend war, langsam im Sumpf versenke und ich fühle mich gut dabei. Auch die Konstrukteure der Kanus (Coleman 16 Gold Medalist) konnten sich nicht richtig in solche Situationen hineinversetzen. Die Griffe zum Tragen bzw. Ziehen sind in einer Richtung sehr scharf und eigentlich nur mit Handschuhen benutzbar. Als wir endlich wieder im Sännsjön schwimmen, merken wir erst, daß wir uns völlig verausgabt haben. Silke und ich sitzen mit knallroten Köpfen erst einmal zehn Minuten im Boot und kühlen uns mit dem Seewasser ab. Wir reinigen unsere Schuhe, indem wir die Füße im See baumeln lassen. Der auffrischende Wind (auf dem schrecklichen Weg war von Wind keine Spur!) treibt uns ausnahmsweise mal in die richtige Richtung, so daß wir in dieser Zeit trotzdem ein gutes Stück ohne Anstrengung vorankommen. Im Anschluß geht es nach insgesamt 7 Kilometern über einige kleine Seen. Fiete und Jörg fahren so weit vor, daß wir nicht wissen, wo es hingeht und den beiden treudoof folgen müssen. Dabei fahren wir jede Bucht ab, anstatt bei diesen guten Verhältnissen durch direktes Überfahren des Sees den Weg abzukürzen. Meine Begeisterung über diesen und den davorliegenden Alleingang durch Zig und Zag hält sich in Grenzen. Endlich sehen wir den Eingang zum Little-Lake-Hill-Haussee, dem Kråksjön, und stochern die letzten Kilometer (mit einer stellenweise guten Gegenströmung) bis zum Ziel.

Anfang

 

G E S C H A F F T ! ! !

 
Wir treffen Ove beim Bau eines neuen Plumpsklos direkt bei der Zeltwiese. Wir berichten kurz über unsere Schwierigkeiten. Er sagt, daß das Wasser in diesem Sommer so hoch steht, wie im Frühjahr zur Schneeschmelze.
Wir packen also die Kanus aus und ziehen sie auf den Wagen die letzten Meter auf den Hügel zu Ove's Haus. Dort holen wir unsere Rucksäcke und Wasser. Ove reserviert für uns telefonisch Plätze für den Zug nach Stockholm. Leider ist der Zug morgen um 10 Uhr 30 ein X2000, für den wir pro Person etwa 50 DM Zuschlag bezahlen müßten. Daher entscheiden wir uns, sehr zu Ove's "Freude", mit Grauen für den Zug um 6 Uhr. Das heißt, wir müssen um 4 Uhr 15 aufstehen und abbauen, damit wir um 5 Uhr 30 zur Abfahrt bereit sind. Ove bringt uns zum Bahnhof nach Östersund. Am letzten Abend zu Lillsjöhögen (heißt übrigens wirklich soviel wie Little-Lake-Hill) bereiten wir alles vor, um am nächsten Morgen möglichst wenig machen zu müssen. Am Feuer genehmigen wir uns noch ein paar Dosen Class-II-Bier (die Silke und Fiete gleich nach der Ankunft durch einen 4 Kilometer Fußmarsch herbeigeschafft haben!) und Vildmarksgryta, bevor uns die Mücken schon um 23 Uhr ins Zelt treiben. In der Nähe arbeitet noch bis ca. 23 Uhr 30 ein Bagger, damit ist an Einschlafen nicht zu denken. Dann endlich Ruhe. Die Ruhe währt nicht lange. So gegen Mitternacht hört man Schritte und ein merkwürdiges, dumpfes Glockenläuten(?). Die Geräusche kommen näher, gehen am Zelt vorbei und verschwinden in der Ferne, um kurze Zeit später wieder lauter zu werden. Ich denke an ein ausgebrochenes Schaf mit Glocke von der Weide nebenan, als dieses zu sprechen anfängt! Zu den Sprechgeräuschen gesellt sich ein Rascheln, Klappern und Reißverschlußgeräusche. Spontan denke ich an unsere Sachen, die zum Teil draußen stehen. Wie später zu erfahren war, waren drei Männer kampflustig und eine Frau im Tiefschlaf zur Verteidigung der Ausrüstung bereit. Nach und nach hört man wie ein Zelt aufgebaut wird. Wohl Spätankömmlinge, wie die am ersten Abend. Noch ein bißchen Schlaf, dann ist es auch schon
 
 

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Freitag, 24. Juli 1998


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© C. Eisel.   Zuletzt aktualisiert am

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