Dienstag, 18. Juli 2006

wird in Boden so lange herumrangiert, bis ich völlig wach bin und mir das ganze Schauspiel vom Bahnsteig aus angucke. Danach schlängel ich mich limbomäßig ins Bistro. Die Gänge sind relativ gut bevölkert und nicht jeder genügt hier dem altersgemäßen BMI.

Zu meiner großen Enttäuschung finde ich keinen Panoramawagen. Abends gab es ja auch schon kein Kino. Dieses Mal hätte ich mich auch in einen schwedischen Film gesetzt, nur um sagen zu können, dass ich im Zug im Kino war. Wieder nix. Ist aber auch kein Wunder, die Gesellschaft hat von der Tågkompaniet zur Connex gewechselt.

Beim Frühstück mit 15 SEK erfreulich günstiger Kurs für einen Kaffee, den man auch noch nachfüllen darf. Also ein Spottpreis. Deutsche Bahn, schau dir mal an, wie man den Wagen voll bekommt. Zum Kaffee nehme ich noch ein Ost-Smörgas für 25 SEK und setze mich an einen Tisch zu anderen. Die verlassen mich kurze Zeit später freundlich grüßend. Ob es schon an meinen Ausdünstungen liegt? Ich glaube eigentlich nicht.

Sofort setzt sich ein anderer dazu. Nach seiner Frage, die ich zwar nicht verstehe, aber sicher herausfinden soll, ob der Platz noch frei ist, erwidere ich ein tapferes "ledigt". Versehentlich scheint die Aussprache so gelungen zu sein, dass ich nunmehr in einem schwedischen Wortschwall untergehe und Mühe habe, ihn auf Englisch über meine mangelnden Sprachkenntnisse zu informieren. Mittlerweile setzen sich noch zwei seiner Freunde dazu und es kommt – etwas mühsam für beide Seiten um diese Uhrzeit – eine nette Unterhaltung in Gang.

Zunächst einmal sind sie nicht mehr böse über das Ausscheiden im Achtelfinale. Zwei sind Biologen und Chemiker, einer studiert entgegen des ausdrücklichen Rates seiner Eltern, die Lehrer sind, Lehramt. Kurzes Erstaunen über die Aussage, dass die meisten schwedischen Schüler unmotiviert sind, das sie die Pisa-Studie unter Bologna-Studie kennen und sich über den Lehramtsstudenten kräftig lustig machen. Die drei sind nicht nur sehr nett, sie sind auch hervorragend informiert über die aktuelle Lage im Sarek.

Das Wetter würde zunächst schlechter, kalt und dann vielleicht wieder besser. So besonders weit würden die Vorhersagen aber nicht reichen. Des weiteren tauschen wir unsere Routen aus und haben theoretisch die Möglichkeit, uns im Pastavagge unter günstigen Umständen zu treffen. Einer hat einen Teil seiner Kindheit in Deutschland verbracht und ist Baden-Württemberg zur Schule gegangen. Seine Deutschkenntnisse sind gut, er spricht aber besser Englisch. Er erzählt von einer Schneebrücke, die wir auf unserer geplanten Tour überqueren müssten. Er erwähnt sogar den Namen des Gletscherablaufs, den ich aber absolut nicht verstehe (hinterher auf der Karte gelesen, weiß ich, warum). Wie kommt man an solche Infos? Ich habe auch eher unbekannte Seiten im Internet zu aktuellen Dingen rund um die Nationalparks gefunden, aber solche leider nicht.

Ein nettes Thema ist das "Global Warming". Ich erzähle, dass ich vor fünf Jahren einige Gletscher fotografiert habe und dort dieses Jahr wieder Bilder machen möchte. Die drei erwähnen das Buch von Axel Hamberg, der 1922 eine ausführliche Beschreibung vieler Routen durch den Sarek herausbrachte. Dort sind auch reichlich Bilder von Gletschern enthalten. Lehrerkollege Wolfgang hatte mir dieses Buch freundlicherweise geliehen, so dass ich mir zumindest unsere geplante Route angesehen habe.

Die drei steigen in Murjek aus und werden dort abgeholt zum Start in Kvikkjokk. Wieder zurück im Abteil wacht die Schwedin auf. Sie spricht perfekt Englisch – soweit ich sprachliche Null das beurteilen kann – und kommt von einem Vorstellungsgespräch auf Öland zurück. Sie las gestern schon in einem Medizinbuch und erzählt, dass sie Krankenschwester in Kiruna ist. Sie hasse den Zug, aber sie habe keinen Flug mehr bekommen. Auch mir ging es im Vorfeld so: alle Flüge von Gällivare nach Stockholm waren schon ausgebucht. Sie wandere auch gerne, aber immer nur ein oder zwei Tage. Wenn man in der Gegend leben würde, hätte man nicht unbedingt die Motivation zu noch mehr Einsamkeit.

Um 9:30 sind wir in Gällivare. Wir warten bis 10:15 auf den Bus, der zwar pünktlich eintrifft, aber durch das teilweise sehr ungeschickte Packen mit 15 Minuten Verspätung abfährt. Schon bald verlässt man dichter bewohntes Gebiet und fährt an einsamen Hütten oder winzigen Siedlungen vorbei. Ab und an hält der Bus und schmeißt Postsäcke heraus. Einen längeren Aufenthalt haben wir dann in Kebnats, wo der Warenbehälter des Busses entladen wird. Von hier aus wird Saltolouokta per Boot versorgt. Insgesamt haben wir jetzt 30 Minuten Verspätung und wir denken, dass das Boot in Ritsemjokk warten wird. Dort angelangt, kommt uns schon der Kapitän wild gestikulierend entgegen. In aller Eile hasten die Passagiere zum Boot, der Motor läuft schon. Für jeden Jugendlichen bezahle ich 75, für mich 165 SEK. Mit STF-Ausweis wäre es billiger geworden, aber keiner von uns hat einen. Bei nettem Seegang geht es eine halbe Stunde rüber nach Änonjalme.

Dort vom Boot, einer der Thomasse zieht sich die Jacke an und los geht's. Zunächst steht direkt vorne eine Kaffeebude (ich glaube es nicht...) an der wir aber Müll entsorgen können. Danach 2 km meist über Holzplanken zur Akkastugorna, an der wir eine kurze Pause machen. Dann weiter über den Padjelantaleden bis zur Hängebrücke über den Vuojatädno. Sehr imposant, hier machen zwei schon ein wenig begeistertes Gesicht, aber es geht gut drüber. Direkt danach ein steiler Anstieg, dann laufen wir los. Immer eine Stunde und dann eine Pause von 10 bis 15 Minuten. Gegen halb sechs bauen wir die Zelte auf, ziehen uns um und kochen Suppe mit Nudeln als Vorspeise, dann Hackfleisch mit Reis. Wir essen im Zelt, es ist kalt und der Wind macht es draußen ungemütlich. Es gibt noch einen heißen Kakao. Dabei stelle ich fest, dass der neue Brenner zwar eine Turbohitze erzeugt, aber sehr wackelig steht. Nun ja. Gegen zehn haue ich mich hin und höre die Truppe noch lange – mal nah, mal fern – herumhüpfen. Irgendwann geben sie auf und es ist endlich ruhig bis zum

 

Mittwoch, den 19. Juli 2006.

 

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