Das frühe Aufstehen klappt ganz gut. Um sieben geht der Wecker.
Ich schnappe mir mein Tagebuch, denn nebenan herrscht schon Betrieb. Töpfe klappern usw. Wir frühstücken und versuchen uns im Brot backen. Der Teig von gestern ist super aufgegangen. Während wir essen, Zähne putzen und packen, bleibt das Brot auf der Flamme. Es gibt vor dem Start die frische, leckere Kruste und das, was im Deckel hängen geblieben ist. Wirklich sehr lecker, auch wenn es nicht so aussieht wie im Laden.
Gegen elf brechen wir auf und versuchen, so gut wie möglich die Höhe zu halten. Das gelingt ganz gut, auch wenn wir jetzt viele Blockfelder passieren, die übel zu gehen sind. Wir gelangen über einen von Gletschern blank geschliffenen Bereich. In einer Linie laufen die Schleifspuren auf den Felsen geradewegs auf den Ruohtesvárásj zu.
Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir die Moräne des Ruotesgletschers. Es ist ein einziges, riesiges Blockfeld. An den Seiten und am Ende befinden sich Steinwälle, die erahnen lassen, wie gewaltig auch dieser Gletscher einmal war. Wir suchen nunmehr eine geeignete Stelle für die Watung durch den Gletscherabfluss. Es ist immer noch sehr warm und die Watung wird uns abkühlen. Nur wo ist eine gute, also einfache Stelle? Wir steigen noch etwas auf, um möglichst viele Nebenbäche zu überschreiten, die den Abfluss noch verstärken. Der tost mit einer enormen Lautstärke und der typischen milchig-weißen Trübung sehr kräftig an uns vorbei. Ein anderes Problem ist bei dem Durchwaten hier auch, dass man nicht sehen kann, wo man hin tritt.
Wir steigen weiter, obwohl wir nicht so weit hoch mit den Rücksäcken gehen wollen. Wir möchten sie nach der Watung abstellen und dermaßen erleichtert zur Gletscherzunge noch etwa 100 Höhenmeter aufsteigen. Nach einer Weile sehen wir ein Steinmännchen und noch ein kleines Stück oberhalb eine gute Stelle. Ich ziehe die Wathosen an, die mir Fiete freundlicherweise geliehen hat und probiere mehrere Stellen und Routen aus. Die meisten sind zu tief, das Wasser ist zu reißend. Oberhalb einer "Insel" mit einem großen Block darauf geht es. Ich nehme ein Seil mit auf die andere Seite und befestige es an einem großen Stein. Dann wird jeder von mir einer nach dem anderen darüber gelotst. Ich gehe vorweg und erkläre, wie es geht. Das klappt gut, obwohl die Verständigung bei dem lärmenden Wasser schwierig ist. Einer hat ein bißchen Probleme mit der Vorstellung, da durch zu müssen. Aber auch das ist schließlich geschafft. Die anderen haben keine Wathose, gehen also mit hochgekrempelten Hosen und den zu Watschuhen umfunktionierten Trekkingsandalen durchs kalte Wasser. Meine Wathose hat zwei kleine Löcher an der Fußspitze. Dies macht bei meinen Wanderschuhen zunächst nichts, aber mit steigender Dauer meines Wasseraufenthalts steigt auch der Pegel in den Hosenbeinen. Irgendwann läuft es dann auch in meine Schuhe...
Die ganze Aktion kostet viel Zeit, so dass wir deutlich später als geplant zur Gletscherzunge weitergehen können. Auf einem beachtlich großen Geschiebehügel legen wir unsere Rucksäcke ab und stapfen los. Es ist noch ein gutes Stück und meine Füße sind eiskalt. Egal.
An der Gletscherzunge selbst ein gewaltiger Anblick: einige hundert Meter breit, einige Bäche, die sich aus dem Gletscher ergießen und sich zu dem reißenden Abfluss vereinigen. Etliche Blöcke auf dem Gletscherkörper, die eben noch winzig aussahen und jetzt enorm groß sind. Mit ein paar Schritten über diverse kleine Bäche gelangen wir zur Zunge und machen aus Erdbeermarmelade und Gletschereis Erdbeereis. Bei der Hitze eine gute Sache. Je nach Windrichtung merkt man die kalte Luft, die dann von den Eismassen absinkt. Noch schnell ein Bild mit allen, dann zurück. Meine Füße sind inzwischen genauso kalt, wie der Gletscher. Bei unseren Rucksäcken angekommen, muss ich erst einmal die Schuhe ausziehen und die Socken auswringen. Nach einer Viertelstunde und einigermaßen warmen Füßen geht's weiter.
Wir steigen über weitere Gesteinsmassen der Moräne und wandern schließlich hoch über dem Tal mit tollem Blick „um die Ecke“ in den Eingang zum unteren Teil des Ruotesvagges. Irgendwann steigen wir ab, um einen Zeltplatz zu suchen. Nach längerer Zeit und einer Pause werden wir vor dem Boajsatjokka fündig. Während des Zeltaufbaus wandert eine große Rentierherde direkt an unserem Lager vorbei. Eine leichte Brise sorgt für Mückenfreiheit, die dummerweise zum Essen leider aufhört und uns während des Essens die Mücken als Beilage beschert. Daher suche ich danach mein mückenfreies Zelt auf. Ich bin aber zu müde, um noch etwas zu schreiben sondern bringe diese Zeilen nach dem Aufwachen zu Papier, also bereits am