Sonntag, 23. Juli 2006.

Um sechs bin ich als erster auf. Es ist acht Grad „warm“ und es hat geregnet. Insgesamt ein extrem ungemütlicher Morgen. So langsam kommt nebenan Leben ins Zelt. Thomas macht schon Milch. Wenn sich das Wetter nicht bessert, werden wir den Plan ändern. Jetzt aber erst einmal schnell frühstücken und packen. Es wird trotzdem zehn vor neun, bis wir losgehen.

Der Wasserstand ist nun sehr niedrig, so dass wir nach einer kurzen Weile einen Durchstieg finden, bei dem wir noch nicht einmal die Schuhe ausziehen müssen. Dies geht flott, so dass wir eine halbe Stunde später schon am zweiten Abfluss sind. Dieser trägt den unaussprechlichen Namen Tjågnårisjågåsj. Dies war der Abfluss, den der Schwede aus dem Zug mit der Schneebrücke meinte.

Er ist in meiner Erinnerung sehr reißend. Diese täuscht mich nicht, denn er ist es bei unserer Ankunft immer noch. Aber in diesem Jahr führt tatsächlich eine Schneebrücke darüber. Spuren zeigen deutlich, dass schon einige hinüber gingen. Trotzdem lasse ich die Leute nur angeseilt darüber. Ich möchte hier nicht das Geringste riskieren. Woher soll man wissen, ob die Brücke noch trägt? Es klappt mit wenig Verzögerung gut und sich gehe als letzter auf die andere Seite. Kaum angekommen, tauchen zwei Wanderer auf und fragen, ob der Weg darüber sicher ist. Sie sind sichtlich froh, dass sie fragen können; sie haben kein Seil dabei. Ich antworte, dass wir alle gerade den deutlich sichtbaren Pfad genommen hätten und nichts gefährlich bemerkt haben. Sie bedanken sich freundlich und ziehen weiter. Wir auch.

Gegen zehn treffen wir die beiden Deutschen, die gerade einpacken. Kurzes Gespräch mit dem Älteren. Der sagt, dass das Wetter jetzt tagelang so bliebe und sie nun so schnell wie möglich durch das Pastavagge aus dem Sarek flüchten würden. Er hätte Erfahrung aus dem Alpenverein und außerdem das Wetter von seinem Haus aus verfolgt. Es wäre dieses Jahr kein gescheiter Winter gewesen und der Sommer sei eindeutig zu kühl. Mag ja sein, aber hier ist es – von gestern Abend und heute abgesehen – eindeutig zu warm. Außerdem sagte er gestern, dass er vom Sarek nicht viel wüsste. Nunja, ich gebe demnach nicht viel um seine Aussagen. Meine Erfahrungen im hohen Norden sind eher die, dass man sich nicht auf ein Wetter einstellen, sondern dass es stündlich wechseln kann.

Wir gehen weiter Richtung Perikjaure, vor dem es dann Richtung Pastavagge geht. Es ist sehr kalt und dies wird auch noch noch erheblich durch den starken Wind unterstützt. Wir überlegen, wie wir weitergehen. Die Jungs sind nach einer langen Pause, in der reichlich abgewogen wird, für den Weg ins Kukkesvagge. Ich zweifle lange.

Schließlich entscheiden wir uns gegen das Pastavagge. Es ist immer noch vollständig in den Regenwolken und auch der Aufstieg ist nicht zu unterschätzen. Schließlich ist auch unser Takt sehr ungünstig. Gehen wir weiter, müssen wir schon mittags das Lager aufschlagen, wenn wir nicht mitten im Pastavagge zelten wollen. Und das gestaltet sich nach meinen Informationen als schwierig.

Der entscheidende Anstoß ist aber für mich, dass in einigen Gesichtern nach den letzten Tagen das bisher Erlebte als Grenzerfahrung abzulesen ist. Und da muss ich jetzt nicht noch unbedingt bei dieser Kälte was drauflegen.

Wir treffen die beiden Deutschen hier zum letzten Mal und erklären auch ordentlich den Weg ins Pastavagge, ohne selbst dorthin zu gehen. Eine Weile später sehen wir sie als kleine Leuchtpunkte auf der anderen Seite wandern. Wir gehen weiter.

Nach einer Stunde wird es sonnig und nach einer weiteren mit Jacke zu warm. Wir treffen ein schwedisches Paar aus der Gegenrichtung. Sie kommen aus Saltoluokta und sind auf dem Weg nach Skarja. Die Frau ist angenehm überrascht, dass man aus Deutschland hier wandern geht. Außerdem fragt sie, ob sich die Schüler benommen hätten, welches ich bis jetzt bejahen kann. Wir fragen nach der Brücke über den Kukesvaggejokka und ob man durchs Kukkesvagge über die Kasalako-Ebene nach Suorva kommt. Sie bejahen und nach einer freundlichen Verabschiedung setzen wir unsere Wege fort.

Auf unserem Weg sehen wir viele Rentiere; gegen Mittag eine sehr große Herde, die sich zu unserem Erstaunen nicht von uns weg, sondern auf uns zu bewegt. Wir versuchen – wie in den Naturschutzbestimmungen beschrieben – die Herde zu umgehen. Dies gestaltet sich allerdings schwierig, weil mittlerweile einige Tiere bis auf ein paar Meter an uns herangekommen sind. Tolles Erlebnis. Wir setzen unseren Weg einfach in einem großen Bogen fort und verscheuchen so nur wenige Tiere.

Beim Abfluss des Sarvajiegna scheint es, als müssten wir zur Querung die Schuhe ausziehen. Wir suchen an diversen Stellen, aber es gibt immer einen Teil, der zu tief ist.

Nils versucht, einen großen Schritt von Stein zu Stein, von dem ich ihn aber abhalte. Zu groß ist die Gefahr des Abrutschens und die starke Strömung würde jeden „Berucksackten“ mindestens gegen ein paar Steine schlagen. Jetzt versucht er - ganz im Sinne des forschend-entwickelnden Unterrichts – Steine als Brücke hineinzuwerfen. Der erste wird mit mitgerissen, bevor er ganz eingetaucht ist. Der zweite ist ein echter Brocken, der sich kaum heben lässt. Aber auch er wird wie ein Spielball weggeschwemmt.

Wir gehen weiter nach unten Richtung See, fast bis zur Einmündung des Ablaufs. Endlich finden wir eine Möglichkeit, trockenen Fußes ans andere Ufer zu gelangen.

Das PV ist bis zum Abend in dichten Wolken verschwunden. Wir schlagen um halb fünf gegenüber des Bierikbakte-Gletschers unser Lager auf. Heute Abend gibt es Nudeln mit Salami und Käse und noch das übliche Abendessen dazu. Dieses gibt es im Zelt, da die Sonne hinterm Berg verschwunden ist und der Wind kalt aus dem Sarek weht.

Dann einen Kakao und ins „Bett“. Vorher rühren wir noch einen Brotteig an und nehmen diesen dann auslaufsicher verpackt mit in den Schlafsack.

 

Montag, 24. Juli 2006.

 

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