Zwanzig nach sieben. Der geneigte Leser mit Lappland Erfahrung möge mir verzeihen: es ist im Zelt unerträglich heiß und ich schwitze!
Auch aus dem Schlafsack heraus und alle Lüftungen des Zeltes auf nützt nichts. Ich ziehe mich an und setze mich in die morgendliche Kühle. Haha, es ist bereits so warm, dass alle Mücken der näheren Umgebung sich sofort auf mich stürzen. Nichts gegen Sonne, vor allem hier, wo ich schon das ein oder andere Mal Kälte und Regen genoss... Nur dass ich mal sehe, wie die Sonnencreme zur Neige geht. Ich kann es immer noch nicht glauben.
Apropos zur Neige: unsere Vorräte werden – wie schon gestern erwähnt - knapp. Nichts Bedrohliches, nur Luxusgüter wie Kaffee, Kakao und Zucker. Mehl ist noch genug da, so dass keiner Hunger leiden muss. Auch Tee gibt’s in reichlichen Mengen.
Im Zelt der anderen tut sich noch nichts und ich muss wohl langsam ein wenig nachhelfen. Gesagt, getan. Ich koche Wasser, rühre Milch an. Danach esse ich und schließlich rühre ich mir einen Kaffee an. Endlich klettert der erste aus dem Zelt. Nur weiter passiert nichts. Also wecke ich den Rest der Truppe. Im Mückengewirr bei 25° C ohne Wind ist das Frühstück kein Vergnügen.
Wir brechen erst um halb eins auf, aber wir haben immer noch keine Eile. Es geht über Ausläufer von durch Gletscher geschliffenen Bergen. Ja, Berge; nicht Hügel oder Felsen, sondern Berge sind hier sehr deutlich in eine Richtung bearbeitet worden. In diesen Dimensionen entspricht ein Kratzer einem Taleinschnitt von bis zu 50 m Tiefe... Entweder man läuft kilometerweit herum oder macht dieses Auf und Ab mit. Auf den glatt geschliffenen Bereichen läuft man hoch, um dann in den mit Blöcken bedeckten Einschnitten schräg abwärts zu laufen. Insgesamt ist diese Kraxelei absoluter Müll...
Dazu kommt noch, dass wir noch höher hinaus zu einem kleinen See wollen. Also weiter steigen. Die Jungs vor mir geben jetzt Gas. Mit großer Ausdauer laufen sie vor. Nun gut, bei der „Streckenführung“ kann man nicht viel falsch machen. Erste Rast. Kein Wasser weit und breit. Dieses Jahr scheint so trocken und warm zu sein, dass viele der Seen und Tümpel entweder kleiner ausfallen oder ganz ausgetrocknet sind.
Es geht weiter, endlich Wasser. Wir müssen jetzt richtig schwer schuften, denn es geht über die kleinen Kämme in den großen Einschnitten kaum nach oben. Manchmal geht’s auch gar nicht weiter. Dann müssen wir wieder abwärts und einen anderen Weg suchen.
Vor mir geht’s in einem lockeren 85°-Winkel gut zehn Meter abwärts. Thomas vor mir springt von etwas oberhalb auf einen schmalen Tritt und verliert fast das Gleichgewicht. Den Stock benutzt er nur wie ein Neanderthaler die Keule hinter sich her ziehend (was sie nach neueren wissenschaftlichen Forschungen gar nicht taten). Mir bleibt bei der Aktion echt die restliche Spucke weg. Der Vorsprung der Jungs wird im Laufe der Zeit teilweise so groß, dass ich die drei führenden gar aus den Augen verliere. So war das nicht gedacht. Außerdem finde ich, dass es so nicht unbedingt das Gemeinschaftserlebnis ist. Bei der nächsten Rast sage ich das. Nicht mehr vorlaufen, die Stöcke benutzen und vor allem: kein Risiko!
Jetzt gehe ich vor. Wir müssen gar nicht mehr besonders weit zu unserem Tagesziel, dem kleinen See. Es geht wieder auf und ab, aber nicht so schlimm. Und am Sattel zwischen zwei Erhebungen kann man den See schon erahnen. Wir steigen hinunter. Und wieder hinauf, wer hätte das gedacht...
Nach dieser Steigung finden wir den See in einem Kessel. Super tolle Landschaft. Von oben sehen wir schon den Damm von Suorva mit dem Windrad und dem davor liegenden Akkajaure. Wir klettern hinab, wobei wir ein einzelnes Rentier in einem Schneefeld sehen. Wir bauen auf.
Die Mücken sind auch hier ohne Wind eine echte Plage. Schnell gegessen und ab ins Zelt.
Drei der vier Herrschaften haben sich bereits vor den Mücken verkrochen und den letzten beiden bleibt die Arbeit des Aufräumens. Wenn es nicht meine Sachen wären, würde ich sie liegen lassen. Etwas grummelig gehe ich ins Zelt und schreibe noch ein wenig, bevor ich versuche zu Schlafen.
Ich höre noch einen Steinschlag vom Stuor Atjek, von dem wir aber weit genug weg sind. Dann sehe ich noch einem Weberknecht zu, wie er Insektenreste vom Innenzelt weg knabbert. Irgendwann schlafe ich ein.